Traditionsbildung (auch für "Die Pflege"?)

"Die Rekonstruktion von Geschichte resultiert weiterhin aus dem Bedürfnis, die im 'offiziellen' Geschichtsverständnis verdrängten und vergessenen Traditionen von Gruppen und Klassen wieder zur Sprache zu bringen und an diese anzuknüpfen. Gerade angesichts der zunehmenden massenmedialen und kulturindustriellen Verplanung unseres Alltags und der Atomisierung der Gesellschaft bis in die Freizeit hinein vermag die Rückbesinnung auf Traditionen der Volkskultur, der Arbeiterkultur, die notwendigen Aktivitäts- und Kollektivitätspotentiale zu stärken. Dort können verlorengegangene Fähigkeiten und Fertigkeiten - das selbstbestimmte Arbeiten, das gemeinsame Singen, das kollektive Erinnern und Zukunftsplanen - wieder angeeignet werden: Qualifikationen, die quer stehen zum entfremdeten Hier und Heute. Gegen den Nivellierungsdruck der Mittelstandskultur entdecken nichtprivilegierte, ausgegrenzte und diskriminierte Gruppen und Klassen, daß auch sie über spezifische kulturelle und politische Traditionen verfügen, und gewinnen dadurch das Bewußtsein einer eigenen kollektiven Gruppen- und Klassenidentität. Traditionsbildung darf und kann nicht an den hohen analytischen Ansprüchen anderer Geschichtsprojekte gemessen werden. Weniger der unmittelbare historische Erkenntnisgewinn steht hier im Vordergrund, als vielmehr der emotionale und soziale Aspekt der Verortung in einer kollektiven Tradition. Die Einbindung in sie erhöht die Widerstandskraft von einzelnen und Gruppen gegen die vielfältigen Bedrohungen und Enteignungen der eigenen Identität. Die Rekonstruktion verschütteter Traditionen der Arbeiterkultur- und Sportbewegung, der Lebensreformbewegung der zwanziger Jahre, des Genossenschaftswesens könnte Arbeiter, Gewerkschafter, Jugendliche auch in ihrem Freizeitbereich wieder stärker zu den Organisationen der Arbeiterschaft hinführen, Freizeit und Politik verzahnen und Fluktuationen entgegenwirken."

Paul,Gerhard; Schoßig, Bernhard; Geschichte und Heimat; in:Paul, Gerhard; Schoßig, Bernhard (Hg.); Die andere Geschichte. Geschichte von unten, Spurensicherung, ökolog. Geschichte, Geschichtswerkstätten; Köln 1986; S.15 - 30; S.21

Die aufklärerische Funktion von Geschichte muß dabei einer unkritischen Tradionsbildung entgegenwirken. (M.B.)