Persönliche Motive von Pflegenden

"Aus der Geschichte lernen, heißt es so schön. Warum? Um alte Fehler nicht zu wiederholen, Einsicht in die Entwicklung, in unserem Fall, beruflicher Arbeit zu gewinnen, um seine eigene Situation besser einschätzen zu können, für notwendig befundene Veränderungen sich selbst und anderen in ihrer Bedeutung begreifbarer zu machen. Das alles sind Gründe, sich mit Geschichte, mit Krankenpflegegeschichte zu beschäftigen. Die Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung seines Berufes müßte eigentlich für selbstbewußte Menschen eine Selbverständlichkeit, Geschichtsbewußtsein eine grundlegende Voraussetzung zur Gegenwartsbewältigung sein.. Ich bin der Überzeugung, daß gerade dieses Selbstbewußtsein unter uns nur schwach entwickelt ist. es gibt zwar ein Bewußtsein, doch es ist Fremdbewußtsein. Es hat in unserem Beruf eine alte Geschichte und, wie ich finde, wenig rühmliche Geschichte gemacht. Dieses Bewußtsein verhindert die kritische historische Reflexion der eigenen Berufsgeschichte. Denn dieses Bewußtsein liegt außerhalb der eigenen Persönlichkeit, ist mehr Glaube, irrational überhöht und lebt von der Aura eines sakrosanten Krankenpflegemythos.(...)
Die Beschäftigung mit der Geschichte der Krankenpflege hat für mich existentielle Bedeutung, existentiell in dem Sinne, daß sie uns helfen kann, Krankenpflege als eigenständige, selbstbestimmte und soziale Tätigkeit auszuüben."

Franz Koch, Anstatt eines Vorworts; in: Geschichte der Krankenpflege. Versuch einer kritischen Aufarbeitung. Herausgegeben vom medizinischen Informations- und Kommunikationszentrum Gesundheitsladen e.V. AG Krankenpflegegeschichte; Berlin 1984; S. 4f.

"Zur Geschichte der Krankenpflege fällt mir nicht viel ein. In der Schule ein Text von Florence Nightingale, sie wurde als Heldin dargestellt, und ich habe es genauso und kritiklos übernommen. In der Krankenpflegeausbildung kann ich mich nur dunkel an Geschichte erinnern, wir hatten ganze sechs Unterrichtsstunden, wie ich in meinem Ausbildungsnachweis nachgelesen habe."

Monika Fischer, in: Monika Fischer; M. Jarius; Andreas Kather, Christine Maier, Karola Noebel, Maria Zimmermann (AG Krankenpflegegeschichte, Gesundheitsladen Berlin, Gneisenaustraße, 1984); S.5

"An der Krankenpflegegeschichte interessiert mich vor allem, woraus sich das heutige Berufsbild der Krankenschwester entwickelt hat.
Nach dem heutigen Berufsbild ist die Krankenschwester die ausführende Kraft von ärztlichen Anordnungen, andererseits hat sie aber auch einen selbständigen Bereich: die Pflege. Zusätzlich, finde ich, ist das Berufsbild geprägt von der dienenden Frauenrolle, die sich für jeden und alles aufopfert. Ich will meinen Beruf selbstbewußt ausüben, auch unstudiert! Dabei stoße ich nicht nur bei Ärzten auf Widerstand, sondern gerade bei den Kollegen die gerne durch die Übernahme ärztlicher Tätigkeiten ihre Anerkennung suchen. Während der Schülerzeit habe ich es noch deutlicher bemerkt, was es heißt, Schwester zu sein: die OP-Schwester machte mir deutlich, daß ich, während sich die Ärzte am Tisch unterhalten, nichts zu sagen habe.
Durch die Diskussion und das Lesen, wie der Schwesternberuf entstanden ist und über das Verhalten der Schwestern im Dritten Reich, habe ich manche Verhaltensformen erst bewußt bemerkt.
Die Schwestern im Dritten Reich haben ihr Mitdenken ausgeschaltet und handelten so, wie es erwartet wurde: als ausführende Kraft, die den Anordnungen Folge zu leisten hatten. Einen absoluten Gehorsam kann man von uns nicht mehr verlangen! Wir müßten selbstbewußt genug werden, um unser Handeln vertreten zu können! Das Selbstbewußtsein fehlt auch heute noch in unserem Berufsbild."

M. Jarius; Ebenda; S.6

"Mein Verhältnis auch zur unspezifischen Geschichte wurde nicht von einem tiefergehenden Interesse bestimmt. Langsam begreife ich dies für mich als Mangel, weil dadurch auch meine Einsichtsmöglichkeit in gegenwärtig bestehende Verhältnisse gemindert sind.
Je weiter die Geschichtsereignisse zurückliegen, desto mehr waren sie für mich etwas konserviertes, in sich starres, für die heutigen Gegebenheiten von nicht weiterbringender Bedeutung.
Das gleicht einem Geschichtsbild in der Museumsvitrine. Die, die dort hineinsehen, wissen nicht, worauf sie ihr Augenmerk richten sollen, dann durch die pralle Ansammlung der Materialien, etwas von der Trennscheibe zurückweichen, und ihrer inneren bildungsbügerlichen Pflicht gemäß es bei einer Bemerkung - während sie sich schon wieder dem nächsten Vitrinenkasten zuwenden - belassen.
Dies war nicht mehr, als eine Veranschaulichung von Wahrnehmungen, die ich bei mir und anderen mit dem 'Gegenstand Geschichte' gemacht habe. Es blieb etwas fremdes, der Staub vergangener Zeiten war zu dick, um ihn durchdringen zu können. Vielleicht wäre ich auch zu jenem Teil der jüngeren Generation zu zählen, bei denen Theodor W. Adorno in seinem Aufsatz 'Was heißt Aufarbeitung der Vergangenheit' die Tatsache des Geschichtsverlustes bestätigt sah. ('...vielfach nicht mehr wissen, wer Bismarck und Kaiser Wilhelm II war...').
Zurück zum Ausgangspunkt, das 'Was und Wie' der Vermittlung von Krankenpflegegeschichte während der Ausbildung nährte meine schon bestehende Skepsis gegenüber 'Geschichtswissen' weiter:
In eher weniger als zehn Unterrichtsstunden wurde uns die Krankenpflegegeschichte vermittelt, welche hauptsächlich an den geschichtlichen Figuren wie Florence Nightingale, Agnes Karll, Henry Dunant und katholischen Ordensgemeinschaften mit pflegerischen Aufgaben orientiert war. Also eine lückenhafte und einseitige Geschichtsweitergabe, wo vorwiegend nur die Personen herausgestellt wurden, die den idealisierten Ansprüchen in der Verwirklichung des Gebots der christlichen Nächstenliebe 'am nächsten' kamen. Das Material der 'offiziellen Geschichtsschreibung' wurde von den Unterrichtenden, so wie es war, übernommen. Eigene Fragen an die Krankenpflegegeschichte wurden nicht gestellt. Es galt das idealistische Gebäude einer guten alten Krankenpflege zu präsentieren. Der Medizinhistoriker Dr. Eduard Seidler wies schon 1963 auf die Gefahr der idealisierten Überhöhung des Geschichtsbildes hin:
'Man kann, und schon gar nicht heute, Gefühle und Haltungen implizieren; ein verklärtes und romantisches Geschichtsbild mit falsch gesetzten Akzenten ist eher dazu angetan, die heutige Konfliktsituation der Schwester - die sich vielleicht erstmalig mit den Motiven ihres Handelns selbständig auseinandersetzt - zu verstärken. Die bisherigen Versuche, die Geschichte der Krankenpflege darzustellen, bergen alle die unübersehbare Gefahr, eine unrealistische und geradezu berufsgefährdende Schwesternideologie geschichtlich zu überhöhen.'
Da ich unzufrieden mit dem Beruf bin und zugleich aber eine Ahnung habe von dem, was Krankenpflege sein könnte (so unsicher ich mir da auch bin), ist es für mich wichtig, den Spuren dieses Berufes in seiner Vielfalt nachzugehen. Frauenberuf und hausarbeitsnahe Tätigkeiten, ethische Ansprüche, Probleme der Ausbildung, Pflegeziele etc. sind Bereiche, die mich genau wie jetzt die 'kritische Aufarbeitung der Krankenpflegegeschichte' beschäftigten.
Geschichte ist etwas Gewordenes, die von uns, dem gegenwärtigen Pflegepersonal weitergeschrieben wird. Auch im Sinne der noch einzulösenden Hoffnungen, einer freieren, selbstbestimmteren Berufsausübung. Deshalb ist jenem im Stationsalltag zur Phrase erhobenen Satz: 'das war schon immer so', der die Angst vor Reflektionen und Weiterdenken signalisiert, zu widersprechen.

Andreas Kather; Ebenda; S.6f

"Geschichte der Krankenpflege beinhaltete reichlich Stunden in meiner Ausbildung. Für unsere Schulschwester war es sehr wichtig, denn sie konnte sich stundenlang darin festbeißen. Mich für meinen Teil langweilte der Stoff sehr. Ich sah die Wichtigkeit nicht ein: Stundenlang wurde von selbstlosen Helfern und Rettern geredet. Die Zeit von 1933 - 1945 gab es einfach nicht, ebensowenig die Arbeit von Prostituierten in der Krankenpflege. Es herrschte keine Auseinandersetzung, warum Krankenpflege so ist, wie sie ist. So war dieses Fach für mich nur wichtig, weil ich darin geprüft wurde.
Es dauerte Jahre, bis ich für mich erkannte, wie sehr die Geschichte unseres Bernfes und meine heutige Situation miteinander verknüpft sind. Ich merkte sehr bald, wie wenig ich mit den Dingen, die ich in meiner Ausbildung gelernt hatte, anfangen konnte. Eins hatte ich jedenfalls gelernt: immer nett sein, lächeln, lächeln, eingehen auf jedermann, ob Patient oder Vorgesetzter, ja nicht widersprechen. Korrekt gekleidet, eine Arbeitskraft, aber keine Persönlichkeit, eine robuste Hülle, aber kein Geschlecht. Nach oben ja sagen, nach unten Druck. Ich fühlte mich einfach nicht wohl dabei, ich will was anderes, Gleichberechtigung für Patient, Pflegepersonal und Ärzte. Manchmal war ich stark genug dafür zu kämpfen, doch häufiger resigniert. Es ist ein permanentes Auf und Ab. Ich merke, wie ich Unterstützung und Anerkennung von anderen Leute brauche. Doch der Druck ist manchmal so groß, daß ich meinen Schnabel halte und hilflos bin.
Durch die Ausstellung 'Heilen und Vernichten im NS' interessierte ich mich für den Nationalsozialismus. Da merkte ich, daß es die Zeit 1933 - 1945 in der Krankenpflege sehr wohl gab. Der Bericht über die Morde in Obrawalde machte mich sehr betroffen. Als ich las, was die Krankenschwestern machten, wie sie es machten, mit welchen Argumenten, da dachte ich: 'Wie konnten die bloß?' Sogar ein Stück Verachtung war da. Man kann da doch nicht mitmachen, sie mußten sich doch dagegen wehren und NEIN sagen!
Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto klarer wurde es mir, so einfach wehren ist schnell gesagt. Es war alles so gut vorbereitet, so unmerklich wie Röntgenstrahlen, die man zwar nicht merkt, aber hinterher die Schäden sieht. Ja, nun steh ich da. In vielen Handlungsweisen der Schwestern damals sehe ich mich heute wieder. Was von oben angeordnet ist, wird gemacht, will ich was durchsetzen, was ich für gut halte, sieht es schon anders aus! Ich habe einfach Angst, mich zu rechtfertigen, fest hinter dem zu stehen, was ich mache, obwohl ich weiß, daß es richtig ist. Ein NEIN ist so schwer, auch heute noch für mich!!!"

Christine Maier; Ebenda; S.8

"Das Unterrichtsfach 'Geschichte der Krankenpflege' ist mir heute nach sechs Jahren nur noch dunkel in Erinnerung und wenn, dann als ein lästiges Fach, von dem man eben leider etwas für das Examen wissen mußte.
Die Geschichte der Florence Nightingale hörte ich bereits im Englischunterricht in der Realschule und später natürlich in der Krankenpflegeschule. Pastor Fliedner, ich glaube nur von ihm war die Rede, nicht von seiner Frau, Agnes Karll, Henry Dunand, die Krankenpflegeverbände, sie sind mir nur noch stichwortartig im Kopf geblieben. Aber ich erinnere mich noch gut, mit welchem Stolz und glänzenden Augen unsere Unterrichtsschwester von unseren Vorgängerinnen in der Kriegskrankenpflege sprach. Dann war die Ausbildung zu Ende, Geschichte der Krankenpflege für mich kein Thema mehr. Der Krankenpflegealltag beschäftigte mich ohnehin genug.
Wenn ältere Kolleginnen mir heute sagen, wie schwer sie früher schufteten und wie schön der Beruf doch ist, hab ich lange Zeit nur die Augen verdreht und war sauer, da ich die Krankenpflege für mich nicht besser, ruhiger und befriedigend empfinde.
Durch die Gesundheitstage fing ich an, mich mit der Medizin im Nationalsozialismus zu beschäftigen. Doch es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich mir die Frage stellte: 'Was war denn mit uns während dieser Zeit? Wie sah es mit unserem Beruf damals aus, was ist davon übrig geblieben? Warum erfahren wir wie auch sonst nichts darüber?' Aber es gab sie, die Krankenpflege, und das Wissen darüber ist unangenehm und schmerzhaft.
Für mich sind unsere Vorgängerinnen im Krieg keine Heldinnen, sondern arbeiteten unter katastrophalen Bedingungen, erlebten tausendfaches Leid. Warum ist das heldenhaft? Kolleginnen und Kollegen haben tausende von Menschen auf Anordnung von Ärzten umgebracht, 'um sie von ihrem Leiden zu erlösen'. Ich hätte sie gerne als unmenschliche Bestien abgetan. Aber wie sieht es denn heute aus? Wie oft habe ich eine Medizin und Technik unterstützt, die Kranke häufig mehr quält als sie gesund zu machen? Wie oft habe ich mich auf die Institution Krankenhaus zurückgezogen, anstatt die Bedürfnisse und Forderungen der Patienten, Kollegen und meine selbst zu unterstützen? Ich habe noch nicht genug Selbstbewußtsein, noch nicht die Angst vor den sogenannten Konsequenzen verloren; und sei es 'nur' der Verlust von Sympathien oder gar Anerkennung meiner Kollegen. Ich will noch nicht aussteigen, und deshalb muß ich mich auch mit der Geschichte unseres Berufes auseinandersetzen."

Karola Noebel; Ebenda; S.9