Lernen aus der Geschichte?

"Zu fordern wäre eine 'historisch-soziologische Phantasie', eine autonome Denk- und Fragefähigkeit, die selbständig aus der Perspektive der Gegenwart Fragen an die Vergangenheit stellt und aus dem Fundus historischen Wissens genügend soziologische Phantasie, dazu ein neues Fragen, Sehen und Wahrnehmen entwickelt, um gegenwärtige und zukünftige Entwicklungsperspektiven auf ihre Gefahren und positiven Möglichkeiten hin zu beurteilen.
Die Aneignung von Geschichte ist als dialektischer Prozeß zu begreifen. Aus der Vergangenheit kann immer nur so viel gelernt werden, wie wir bereits über die Gegenwart, über ihre Strukturen, Mechanismen, Bedrohungen wissen. In diesem Sinne ist Marx' Satz in seiner 'Methode der Politischen Ökonomie' zu verstehen: 'In der Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen.' Geschichtsarbeit ohne gegenwartsorientierte Gesellschaftsanalyse ist daher undenkbar, wie umgekehrt aber auch aus solchermaßen angeeigneter Geschichte Rückschlüsse auf unsere Gegenwart zu ziehen sind und diese als reichhaltigere Totalität begreifbar wird. So kann die angesichts von ökologischem und atomarem Holocaust formulierte Frage, warum die Menschen immer wieder gegen ihre 'objektiven Interessen' an Glück, Frieden, Gerechtigkeit handeln, an historische Ereignisse herangetragen werden und aus deren Analyse etwas mehr Klarheit über diesen Widerspruch in der gegenwärtigen Realität gewonnen werden.
Was zu bedenken bleibt, aber vielfach auch in der 'neuen Geschichtsbewegung' übersehen wird: Geschichte bleibt immer ein Produkt des Denkens, eine subjektive Kategorie, und ist abhängig von unseren Erkenntnisinteressen, Fragestellungen, intellektuellen Fähigkeiten und Methoden. Gleichwohl geht es nicht nur um analytische Schärfe. Es geht auch um persönliche, soziale und politische Identifikationsprobleme der Beteiligten. Nur so erscheint der Schritt vom oberflächlichen Faktenwissen zum emotional nachvollzogenen Begreifen geschichtlicher Prozesse möglich. Erst die Möglichkeit des Sich-in-Beziehung-Setzens läßt zu, daß man die demokratischen Ideale und Werte als für einen selbst verbindlich anerkennt. Es geht auch um Traditionsbildung."

Paul,Gerhard; Schoßig, Bernhard; Geschichte und Heimat; in:Paul, Gerhard; Schoßig, Bernhard (Hg.); Die andere Geschichte. Geschichte von unten, Spurensicherung, ökolog. Geschichte, Geschichtswerkstätten; Köln 1986; S.15 - 30, S.20