Gesellschaftliche Funktionen der Geschichte

In einem Zeit-Artikel erläuterte Jürgen Kocka vor mehr als 30 Jahren die "gesellschaftlichen Funktionen, die eine richtig verstandene Geschichtswissenschaft wahrnimmt oder wahrnehmen kann und soll".

Diese Funktionen sind:

  1. Orientierungshilfe:
    "Wer die Herkunft eines Phänomens kennt, muß (...) dessen gegenwärtigen Charakter und gegenwärtige Funktionen untersuchen. Aber historisches Wissen erleichtert die Orientierung. Häufig sind die wesentlichen Merkmale eines Phänomens in seiner Entstehungsperiode klarer auszumachen als in späteren Entwicklungsphasen."
  2. Vermittlung von Einsichten:
    "Kategorien und Einsichten zu politischen Vorgängen der Gegenwart lassen sich oft besser an historischen als an aktuellen Beispielen aufzeigen. (...) Spielraum und Grenzen politischen Handelns, Konflikt und Koalition, Kalkulierbarkeit und ihre Grenzen, Zwecke und Nebenfolgen, Fernwirkungen - all diese Kategorien lassen sich schon deswegen besser aus der Analyse zurückliegender Fälle erschließen, weil die Materialien erst nach einiger Zeit, wegen der nachlassenden Geheimhaltung, zugänglicher werden. Grundsätzlich sind die Zeitdimensionen, die Zukunftsperspektive, die langfristigen Wirkungen, Erfolge und Kosten, die vielfältigen Zusammenhänge politischer Entscheidungsprozesse ohnehin nur aus gewisser zeitlicher Distanz zu begreifen und nachzuweisen."
  3. Aufklärung:
    "Solange bestehende Herrschaftssysteme sich auch historisch zu legitimieren versuchen, solange sie Geschichtsbilder benötigen oder zumindest ein kollektives Selbstverständnis voraussetzen, das der historischen Dimension nicht ganz entbehrt, solange hat die rationale, kritische Beschäftigung mit der Geschichte eine emanzipatorische Aufgabe, die schwerlich durch anderes zu ersetzen ist. (...) Ein weiteres Feld öffnet sich dem Historiker dort, wo gesellschaftliche Herrschaftsverbände - Wirtschaftsverbände zumal - die 'Tradition' bewußt benutzen, um sich zu legitimieren und zu stabilisieren. Praxisbezogene Aufklärung kann und muß aber auch heißen, die historisch argumentierenden Protestbewegungen kritisch zu untersuchen."
  4. Darstellung von Alternativen:
    "Die Geschichtswissenschaft zeigt, wie die soziale und politische Gegenwart geworden und wie wandlungsfähig und veränderbar sie ist. Wer diesen Anschauungsunterricht nimmt, der wird die massiven Sachzwänge unserer Umwelt nicht mehr als scheinbare Notwendigkeit hinnehmen, sondern sie vor dem Hintergrund genutzter und versäumter, vergangener und vielleicht noch bestehender Möglichkeiten begreifen. Das Bild der Wirklichkeit 'verflüssigt' sich, und das frappierende Andere kann erfahren werden. Lebensformen, die zeitlich sehr weit zurückliegen und sozio-kulturell stark unterschieden, also unmittelbarer erfahrung verschlossen und nur historisch aufzuarbeiten sind, wirken dabei verfremdend. Auch historische Neugier fördert die Aufklärung."
  5. Erziehung zum Denken:
    "Wer methodisch Geschichte erforscht und lehrt, muß die vielen Bedingungen und ihre Zusammenhänge innerhalb jeder historischen Situation ernst nehmen. Auch wenn er dabei typisierende und generalisierende Methoden nicht umgehen kann, wird er doch stärker als die systematischen Nachbarwissenschaften individuelle Konstellationen und Phänomene untersuchen. Das heißt: Geschichte kann zu konkretem Denken erziehen. Zum Beispiel vermag die Geschichtswissenschaft der quasi-pubertären Neigung entgegenzuwirken, Wirklichkeit nur noch nach Prinzipien und Totalentwürfen zu beurteilen (...). Aus der geschichte können wir erkennen, daß Entscheidungssituationen oft ambivalent sind und differenziert beurteilt werden müssen, wollen wir sie nicht als bloße Fälle mißverstehen. (...)
    Jede auf Veränderung zielende Politik ist nach Max Weber 'ein starkes langsames Bohren von harten brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich' - außer der eigenen Erfahrung lehrt dies am besten die Historie. Sie kann die Gefahren verletzender, utopisch-proportionsloser Totalkritik ebenso verringern, wie eine daraus folgende totale Resignation."