Über den emanzipatorischen Charakter von Geschichte

"Erst die Geschichte ermöglicht ein tieferes Verständnis der historisch gewordenen Gegenwart. Sie ist unabdingbar notwendig für die Erklärung der Ursachen und Bedingungszusammenhänge, welche die eigentümlichen Konstellationen auch der jeweiligen Gegenwart geschaffen haben. Sie schärft daher auch den Sinn für das praktisch-politische Verhalten (gegenüber dem Antisemitismus z.B. oder der Existenz von mehreren deutschen Staaten). Die Geschichte verhilft dazu, die Gesellschaft als veränderbares Ergebnis von historischen Prozessen und Entscheidungen, von genutzten und versäumten Chancen, von mächtigen Hindernissen und Barrieren zu begreifen. Damit leistet sie einen Beitrag zur Selbstaufklärung der Gegenwart, erleichtert vernünftiges Handeln von Individuen und Gruppen, bewahrt humane Formen des menschlichen Zusammenlebens im Gedächtnis und hilft dabei, sie zu verteidigen, vielleicht auch zu entwerfen. Gerade Geschichtsstudium, und -unterricht tragen mithin dazu bei, das Bewußtsein für schwierige Probleme zu schärfen, keinen Illusionen über die engen Handlungsspielräume auch der Politik zu erliegen; insofern stellt die Geschichte praktisches Orientierungswissen bereit. Dem historischen Denken gelingt es, den Nebel von Mythen und Legenden ideologiekritisch zu durchstoßen, die verhüllte Affirmation von Ungleichheit und Ungerechtigkeit aufzulösen. Die historische Analyse, die durch das Säurebad der kritischen Argumentation, insbesondere der vergleichenden Betrachtung, hindurchgegangen ist, schärft den Realitätssinn, lenkt den Blick auf die Komplexität der Zusammenhänge, hält zu konkretem Denken an. Auf die Dauer immunisiert die Beschäftigung mit der Geschichte gegen die vorschnelle Sicherheit, gegen die flinke Welterklärung mit Hilfe simpler Faustregeln, gegen die Heilsgewißheit der Orthodoxen.
Unleugbar wirft auch die Beschäftigung mit der oft so ganz andersartigen Vergangenheit neues Licht auf die eigene Gegenwart, erzeugt eine Art von Verfremdungseffekt, setzt aber auch die Gegenwart unter Rechtfertigungszwang. Keine Machtverteilung, kein System der sozialen Ungleichheit, keine Wirtschaftsverfassung kann der Geschichtswissenschaft als 'natürlich' gelten. Uberall fragt sie nach den historischen Bedingungen, nach ihren Grundlagen, nach ihren Grenzen und ihrer Veränderbarkeit. Unstrittig besteht die gesellschaftliche Relevanz von Geschichte auch darin, möglichst viel von dem, was nicht zum aktiv beherrschten Wissen von uns, von unserer Umwelt, von unserer Herkunft gehört, ins klare Bewußtsein zu heben, um die Rationalität des Denkens und Handelns zu steigern. Die Unbestechlichkeit der Geschichtswissenschaft und die optimale Wirkung des Geschichtsunterrichts basieren freilich auf dem ungehinderten, freien Diskurs, wo nur das Argument, nicht die Rechtgläubigkeit zählt. Wegen dieser Existenzbedingung bedürfen beide zu ihrer ungehemmten Entfaltung des liberal-demokratischen Staates mit seiner freiheitsverbürgenden Verfassung. An seiner Erhaltung, seinem Ausbau, seiner entschiedenen Verteidigung mitzuwirken, entspricht ihrem ureigensten Interesse."

Hans-Ulrich Wehler; Antiquierte Aversionen gegen Geschichte? in: Preußen ist wieder chic...; Politik und Polemik; Frankfurt/ Main 1983; S.172 - 192; S.178f