Der Körper als Werkzeug und Protokoll der Lebensgeschichte - oder: wer liegt da eigentlich im Krankenbett?

"Zwei Ansichten zum Körper, zwei Weltbilder zugleich. Das eine kommt dem technisierten pflegerischen Zugriff auf den Körper durchaus nahe und entspricht dem defektpathologischen Menschenbild der sog. Körpermedizin, die ihrerseits, wie die andere Ansicht zeigt, gar keine Idee und Vorstellung von dem hat, was der Körper als Haus des Wissens und der Weisheit über den Menschen beinhaltet. Einen Körper haben und eine Körper sein, sind die Beschreibungen für zwei ganz unterschiedliche Ztustände, in denen sich das Lebendige zeigt.
Der Körper ist ein Werkzeug der Lebensgeschichte. Was dem Körper geschieht, geschieht auch dem Leben.Über und mit dem Körper wird das Leben entwickelt und bedroht, nicht erst seit der Stunde der Geburt, sondern - wie wir heute aus der pränatalen Forschung wissen - vom Augenblick der Zeugung an. Was keine historisch konkrete Gelegenheit zum Leben erhält, wird sich nicht entwickeln, selbst wenn wichtige, zum Beispiel organische Voraussetzung, gegeben sind. Leben erzeugen wir nur, indem wir leben, indem wir unsere Erzeugungs- und Zeugungsorgane nutzen, sie als 'lebendige Arheitskraft' leben lassen. Der Körper ist erstes Werkzeug der Kulturen (Lippe 1989) und lebensgeschichtliches Werkzeug zugleich. Geschichte machen wir nicht nur mit unseren Händen, sondern auch mit unseren Gefühlen, unseren Fähigkeiten und Gedanken ,mit unsren fünf Sinnen. Über die Wirklichkeit in der Welt erfährt der mensch nur etwas, wenn er sich in ihr bewegt, mit ihr in Berührunf kommt. Die Berührung mit der Welt ist zuallererst körperlich. Der Embryo verbindet sich über die Nabelschnur mit dem mütterlichen Organismus und über diesen mit der Welt, in der diese Mutter lebt. Der Säugling sucht Nahrung und Zuwendung an der mütterlichen Brust, und über diesen körperlichen Austausch entsteht Lebensperspektive, wenn er gelingt. Das Kleinkind richtet sich auf und will auf eigenen Beinen stehen - das Bewußtsein seiner selbst entsteht zunächst als körperliches. Wir alle binden immer wieder unsere 'Lebensenergie' in selbsterhaltende Arbeit ein -womit wir uns auch ein sinnlich erfahrbares Leben ermüglichen. Die Bildung der fünf Sinne - so schon Karl Marx - ist eine Arbeit der bisherigen Weltgeschichte - und innerhalb dieser, so wäre zu ergänzen, fiir die historisch konkreten Subjekte eine Arbeit ihrer Lebensgeschichte. Nichts von dem, was wir 'organisch' mitbringen, haben wir einfach und dauerhaft zur Verfügung - wir müssen es gestaltend einsetzen und immer wieder erneuern, um es zu besitzen.

Lebensperspektive heißt Gebrauch der Sinne, des Körpers wie der Seele und des Geistes, heißt Erkenntnis von der Wirkung und Erfahrung aus. Bedingung für ein Bewußtsein von Leben und vom Körper ist eigenes Erleben und Bewirken von Prozessen, in denen Verhalten, Kraft, Bewegung oder Denken zu Wirkungen und Rückwirkungen führen. Für den Körper und seine Erlebnisfähigkeit setzt dies - wie Lippe ( 1978) formuliert - ein seelisch, geistig und sozial erlebtes gemeinsames Zusammenspiel all seiner Partien voraus sowie eine lernfähige Aufnahmebereitschaft jener Rückwirkungen, die durch seine Wirkungen hervorgerufen und herausgefordert werden. Wahrnehmungs- und Verarbeitungsbereitschatt, Durchlässigkeit und Kraft aus dem Zusammenspiel aller Bereiche menschlicher Existenz sind Voraussetzungen für ein Wohlbefinden, das auch die WHO mit Gesundheit umschreibt und dessen Lebensort der Körper ist. Eine Beeinträchtigung dieses Wohlbefindens trifft immer den ganzen Menschen. Was einem Teil seiner Lebendigkeit angetan wird, wird der Lebensgeschichte und der Lebensperspektive eines Menschen angetan.

Die über die Lebensperspektive mit Vergangenheit und Zukunft verknüpfte Lebendigkeit des Körpers ist mehr als seine Haltbarkeit. Voraussetzung solcher I.ebendigkeit und ihres Erlebens ist der Austausch des Menschen mit seiner Umwelt im weitesten Sinne, zu der die soziale Lebens- und Arbeitswelt in gleicher Weise gehören wie die Menschen, mit denen er lebt, die äußere Natur und das, was wir Universum nennen, in gleicher Weise wie die eigene Natur. Ohne diesen Stoffwechsel, ohne Rückwirkungen und Wechselbeziehungen werden wir einsam. Nach Nietzsche wohnt das Selbst in unserem Leib, er ist das Selbst, und er ist voller Weisheit. Im Körper protokollieren die Menschen einen wesentlichen Teil ihrer Subjektivität, und mit ihm eignen sie sich über die eigene Lebensgeschichte Gattungs- und Gesellschaftsgeschichte an. Umwelt wird einverleibt - mit all den Folgen, die das zeitigt. Dieser lebensnotwendige Aneignungsprozeß nimmt den Charakter des Stoffwechsels mit den Bedingungen der äußeren Natur und der sozialen Umwelt an. Er entwickelt und entfaltet jene Voraussetzungen, die wir als Menschen mitbringen. Dieser Aneignungsprozeß kann aber auch seinen Austauschcharakter verlieren und zur einseitigen Naturbeherrschung am Menschen werden. In diesem Fall wird der Körper zum zentralen Instrument der Fremdbeherrschung. Im Prozeß seiner Disziplinierung wird er damit der Fähigkeit zum Austausch und zur Wahmehmung beraubt. Als Werkzeug der Aneignung von Lebensgeschichte geht er verloren. Eine Wiederaneignung von Lebensgeschichte und der im Körper vorhandenen Potentiale ist dann nur im Zusammenhang einer bewußten Körperarbeit denkbar.

Diese Arbeit am und mit dem Körper muß jeder Patient vollziehen, der körperlich oder seellsch erkrankt, und jede Pflege und Behandlung eines erkrankten Menschen ist ebenfalls eine Form bewußter und unbewußter Körperarbeit, die sowohl weiter versperren und zerstören, also die Verpanzerung verstärken, als auch lösen und befreien kann. Der Körper jedes Menschen ist eine genetisch, biologisch und psychosozial integrale Einheit, das bewohnte Haus eines einmaligen Individuums, das sich selbst gestaltet und entwickelt hat. Mit der Geburt hat der Mensch alle Voraussetzungen, sich körperlich, seelisch und geistig zu entfalten und der nachgeburtliche Entwicklungsweg setzt einen Prozeß fort, der vorgeburtlich bereits angelegt und beschritten wurde. Dieser Prozeß der Entwicklung und Entfaltung aber ist ein Akt der Selbstgestaltung, ein autopoietischer Prozeß, wie ihn der chilenische Biologe Humberto Maturana beschreibt. Menschliches Werden ist eine Tätigkeit, aus der das Repertoire eines Körperwissens entsteht, in das auch Empfindungen, Gefühlserlebnisse, intelektuelle Funktionen, Fähigkeiten und Verhaltensmuster körperlich verankert werden.

'Emotionelle Affektregungen und auch intellektuelle Äußerungen und Leistungen sind Reaktionen, die in der somatischen Entwicklung verankert und vorbereitet sind... Wer lacht, ist somatisch ein anderer als jener, der nicht lacht, und wer sich etwas überlegt, ist in seinem Stoffwechsel, also körperlich, umgestitnmt und verändert im Vergleich zu dem, der redet, telefoniert oder singt' (Blechschmidt 1970, 135). Diese embryvlogischen Untersuchungen belegen wiederum die Ergebnisse Reichs (1970), daß die körperlichen wie die geistig-seelischen Vorgänge funktional-identische Momente eines ganzheitlichen dynamischen biologischen Geschehens sind. Das biodynamische Lebensgeschehen ist also immer gleichzeitig eine seelische, geistige wie körperliche 'Äußerung': Der Mensch empfindet zum Beispiel Angst, hält zugleich den Atem an und wird muskulär starr, wird durchflutet von Phantasien und Zerrbildern und sinnt auf Wege und Auswege.

Wir verstehen jetzt, daß lebensgeschichtlich ein vernetztes System von körperlichen und geistig-seelischen Stukturen und Funktionen entsteht, das mit der jeweiligen Umwelt korrespondiert. Jeder Einheit von Bewegung, Wahnehmung, sealischem Erlebnis und Denkvorgang entspricht ein biologischer, physiologischer Zustand. Deutlich wird auch, daß alle dualistischen Theorien, die körperliche und geistigseelische Momente voneinander getrennt betrachten, an der ganzheitlichen Natur des Lebendigen vorbeispekulieren. Durch die nach allen Seiten offenen Wechselwirkungen der verschiedenen, die Ganzheit konstituierenden Momente ist das Eindringen und der 'Niederschlag' sozialer historischer bedingungen begreifbar. Die soziale Lebenswelt wirkt sich in uns ein, nicht nur als 'eingefleischte' Verhaltensweise, als kulturell vermitteltes Anschauungssystem und Denkvermögen, sondern bis auf die Ebene der biologischen Lebensgegulation. Wir sind so bis in jede einzelne Körperzelle Kinder unserer Zeit: Zwar verlaufen die grundlegenden biophysiologischen Prozesse und Wirkungsketten immer nach dem gleichen Prinzip (Holst 1969), sind jedoch im Umfang ihrer Innovation und Hemmung, in ihrer Wirkungsdauer, ihrer Kombinationsfähigkeit usw. flexibel. Je nach dem hemmenden oder unterstützenden Zusammenwirken innerer und äußerer Kräfte arbeitet der Organismus entweder auf 'Sparflamme', unter ausgeglichenen Bedingungen oder unter Hochdruck. Die Anpassungsfähigkeit des Organismus setzt ihn bis ins innere Mark dem Einfluß des Wahrgenommenen, seiner psychischen Verarbeitung oder Verdrängung aus, welches seinerseits in vollem Umfang von den sozialen Lebensbedingungen berührt und von ihnen geprägt wird. Deshalb können wir auch an der Zivilisation erkranken.

Die zivilisatorische Prägung ist ein lebenslanges Geschehen, das sich bereits im embryonalen Stadium anlegt. Über den Stoffwechselaustausch zwischen mütterlichen und kindlichen Organismus teilt sich die Lebenssituation und das Lebensgefühl der Mutter dem Kind stofflich, z.B. hormonell mit und prägt seine eigene embryonale Lebenssituation von den äußeren Bedingungen her. Der Embryo nimmt 'lachend' an der Freude der Mutter teil, verkrampft sich in ihrem verzweifelten Versuch der Lebensbewältigung, wird süchtig an ihren Sehnsüchten.

Was wir beobachten ist der Beginn einer zivilisatorischen Einkreisung des Körpers. Es ist deshalh nicht nur ein biologisches Protokoll der Lebens-und Gattungsgeschichte, er schreibt mit jedem einzelnen Menschen auch ein soziales Protokoll über unsere Gesellschaftsgeschichte. Die sozialen Verhälttnisse prägen den Meschen, seine körperlichen und geistig- seelischen Potentiale im Prozeß der Anpassung und Auseinandersetzung an und mit ihren Bedingungen. Der Eingriff dieser 'äußeren Realität' auf die 'innere Realität' des Menschen ist weitreichend und wirkt bis auf die grundlegenden Funktionen der vegetativen Regulation des Organismus.

Dazu ein Beispiel: In seinem Buch 'Zur Dialektik des Herzinfarkts' interpretiert Sroka (1980) die Hauptursache des Herzinfarkts als 'vegetativen Entspannungsverlust', d.h. als die gesellschaftlich produzierte Unfähigkeit des Organismus, das ihm eigene organische Wechselspiel von Anspannung und Entspannung aufrechtzuerhalten. Durch äußere Umstände wird der Organismus seiner 'vegetativen Ökonomie' beraubt. Sieht man sich die psychosomatische Literatur über die psychodynamischen Grundzüge der Infarktpersönlichkeit an, so entschlüsselt sich über die organische, psychische und geistige hinaus auch die soziale Determinierung der Infarktgenese. Arbeitseifer, Konkurrenzbereitschaft, Ehrgeiz, emotionale Kontrolle und soziale Angepaßtheit sind Eigenschaften der Infarktpersönlichkeit, die dem herrschenden Erziehungsideal der bürgerlichen Gesellschaft entsprechend von klein an gezüchtet werden und bis auf die Ebene der Zelle durchschlagen.

Zum sog. 'Infarkttyp' sagt Richter ( 1974): 'Seine Überaktivität entspringt also aus nichts weniger als innerer Freiheit... dieser Typ steht unter der Folter eines fortwährenden Müssens.'

In umfangreichen Studien ist die zivilisatorische Einkreisung des Körpers in den letzen Jahren belegt worden, weshalb sie hier nur in geraffter Form ins Gedächtnis gerufen werden soll (vgl. Elias 1976; Foucault 1977; Miller 1989; Rutschky 1977; Lippe 1978). Unmittelbare körperliche Äußerungen inneren Erlebens, innerer Impulse und Bedürfnisregungen werden im Zivilisationsprozeß hochindustrialisierter Gesellschaften zunehmend tabuisiert. Sie werden nicht als adäquater Ausdruck auf innere und äußere Reize, Situationen und Konstellationen verstanden und zugelassen. Der Körper wird mit seinen unmittelbaren Lebensimpulsen selbst zur Quelle vielfältiger Ängste: Auffällige körperliche Signale und Symptome bedrohen die soziale Sicherheit und Einbindung in einer Gemeinschaft, in der der 'normale' Körper - wieder 'normale' Mensch - dadurch gekennzeichnet ist, daß von ihm nichts mehr zu spüren ist.

Sozial tabuisierte Regungen, körperlicher Schmerz, körperliche Triebregungen wie auch weniger dramatische körperliche Reaktionen wie Erröten, Schwitzen, Zittern und ähnliches werden als peinliche Erscheinungen, als Versagen des Indiviuums erlebt und tabuisiert. Sie sind nicht länger Grundlage der Selbsterfahrung wie der Erfahrung der Welt und können deshalb auch nicht als Teil der Lebens- und Gattungsgeschichte angeeignet werden.

Die Folge besteht in einer Distanzierung von der undomestizierten Unmittelbarkeit und Wildheit des Köpers. Er wird in dieser Distanzierung wie ein 'Fremdkörper' erlebt, dem die Schwächen, die Fehler, die Unvollkommenheiten und Abweichungen von einem sozial als 'normal' bezeichneten Menschenbild angehängt werden. Die Körperbewußtheit, d.h. die Fähigkeit, körperliche Empfindungs-, Wahrnehmungs- und Reaktionsvorgänge zu identifizieren, wird reduziert durch die Ausschließung bestimmter Körperphänomene aus der Wahrnehmung und ihre Unterdrückung in ihren konkreten Aüßerungen. Körperliche 'Störungen' werden zur Reparatur und Begutachtung an Experten abgetreten, da man selbst nicht als Eigner und Experte dieses 'Widerspenstigen' sich zu erkennen geben kann.

Das Ergebnis dieses biologischen und sozialen Protokolls eines Menschen 'liegt' im Bett, wenn wir als Ärzte oder Pflegekraft ein Krankenzimmer betreten. Einiges ist unmittelbar sichtbar, wenn wir zu lesen gelernt haben, anderes ist verborgen und wartet auf Deutung. DieZurückdrängung psychischer Triebimpulse und die kulturspezifische Verdrängung des Körpers und seiner biologischen Regulationen im Prozeß seiner Eiinkreisung hinterläßt nicht nur gesellschaftliche Spuren. Der Körper drückt den mit diesen Prozessen verbundenen Verlust von Lebensgeschichte und Lebensperspektive durch 'Krankheit' und 'Auffälligkeit' im weitesten Sinn aus. Jedes Symptom enthält in diesem Zusantmenhang nicht nur eine Mitteilung darüber, daß die 'Körpermaschine' defekt ist, sondern vor allem darüber, daß sie falsch gebraucht, der Mensch in falscher Weise gefordert ist. Der Körper macht in seinen Signalen deutlich, daß die gesellschaftliche Zurichtung unserer Lebensbedürfnisse und Lebensmöglichkeiten auch Grenzen hat.

Der Körper stirbt ab, wenn seine Austauschprozesse be- oder sogar verhindert werden. Das gilt nicht nur für die Verweigerung von Nahrung sondern auch für die Verweigerung von lebendigen Beziehungen zum anderen Menschen. René Spitz hat diesen Prozeß als Hospitalismus gekennzeichnet, als Deprivation und Verarmung, die an die Grenze des Überlehens geht. Die Zunahme psychischer, physischer und sozialer Erkrankungen zeigt, daß die Hospitalisierung die Grenzen der Waisenhäuser und Kinderheime längst üherschritten und das Ausmaß einer Zivilisationserkrankung angenommen hat. Die Unterbrechung von Austauschprozessen auf allen Ebenen und die damit verbundenen Vereinseitigungen und Überforderungen lassen die Körper 'streiken'. Sie kriegen keine I.uft mehr und geraten in Atemnot; die Haut - als Grenze zwischen innen und außen - kann das, was ihr zugemutet wird, nicht mehr reflektieren: sie rötet sich, schwillt an, bildet Schuppen und Flechten; was auf Schultern und Rücken als unerträgliche Last geschleppt wird, läßt diese versteinern und steif werden.

So 'sinnvoll' (d.h. erklärbar) angesichts der Lebens- und Arbeitsverhältnisse die Symptomproduktion in der 'Krankheit als Körperstreik' (Huebschmann 1974) auch erscheint, den Betroffenen selbst bleibt der Sinn der Ausdrucksweise ihres Körpers in der Regel verschlossen. Der über den Körrper ausgedrückte Verlust von I.ebensperspektive wird nicht als Ergebnis und Resultat eigenen Lebens erlebt, sondern als unerklärliche 'Fremdeinwirkung', als ein Zufallsgeschehen, für dessen Behebung der Experte von außen herangezogen wird. Diese Abspaltung insbesondere der körperlichen Symptome aus dem Zusammenhang ihrer Entstehung und als Ausdruck des nicht gelebten Lebens setzt sich logischerweise im Umgang mit dem Symptom fort: Der körperliche Ausdruck der Kritik an den Verhältnissen, die unsere Bedürfnisse und Fähigkeiten nicht leben lassen, wird als nicht zur Person gehörig betrachtet.

Der Mensch versteht und erlebt seinen Körper nur insoweit, als er mit ihm identifiziert ist. Hat der Körper nun im Selbstbild eines Menschen keine eigenständige Ausdruckskraft, so wird er nicht oder nur als Anhängsel anderer Vorgänge betrachtet, d.h. untergeordnet, abgespalten oder geleugnet. Ein schizophrener Kranker drückt den damit verbundenenVerlust eigener Subjektivität geradezu hellsichtig aus: 'Ich war wie aus meinem Kürper herausgerissen, wie aus mir selbst verjagt' (Pankow 1974, 45). Der Körper wird verlassen, er geht als Heimat, Zuhause, schützende Hülle und grundsätzlich als Ausdruck menschlicher Produktivität und Beziehungsfähigkeit verloren. Im Ausstieg aus dem Körper gehen aber nicht nur Körperempfindungen, sondern auch Erinnerungen, Vernunftsgründe und Gefühle verloren. Ein Mensch der seinen Leib verliert, verliert auch die Vernunft. Ohne Leib weiß er nicht, wo er ist und wann er ist - denn Raum und Zeit sind verankert im Leib.

Im Körper eines kranken Menschen begegnen wir einer tiefgreifenden Störung in der Lebensgestaltung, was immer die Ursache der Krankheit auch sein mag. Diese Stötung ist vorrangig eine Störung der leiblichen Erlebnisfältigkeit, die Menschen reagieren nicht offen auf ihre Schmerzen, auf Mißempfindungen, auf die Angst, die eine medizinische Berührung auslöst.  Die mehr oder weniger Erlebnisfähigkeit der Körperfunktionen ist immer auch eine Einschränkung der Erlebnis und Ausdrucksmöglichkeit der menschlichen Existenz überhaupt. Wie wir unseren Körper erleben, so erleben wir die Welt. Körperhaltung ist Haltung zur Welt. Was wir durch Abgrenzung, Stillegung und Panzerung gegen das Außen nicht mehr nach innen lassen, behindert uns nicht nur, sondern 'schützt' uns auch vor dieser realität, auch wenn wir auf einem Auge blind werden.

Wilhelm Reich ( 1970) hat diesen Vorgang in seinen Arbeiten auf allgemeiner Ebene am Beispiel des Charakterpanzers und der körperlichen Panzerung beschrieben, mit deren Hilfe Menschen zunächst einmal eine Überlebensstrategie entwickeln, die sie gegen die Angriffe von außen nicht so verletzbar macht, selbst wenn sich der Panzer letztlich gegen sie selbst richtet. Der Leib wird verlassen, wenn Empfindungen, die er vermittelt, tabuisierte Erlebniszonen berühren. Die Reaktionen reichen von der Distanzierung von 'peinlichen' Körper-äußerungen (z.B. Erröten, Schwitzen, sexuelle Erregungen) his zum Verlassen des eigenen Leibes in der Schizophrenie. Die Grundlage für solche schizoide Abspaltungstendenzen sind u.a. im Scheitern der leiblichen Identitätsbildung in der frühen Mutter-Kind-Beziehung zu suchen (Winnicott 1976), wenn diese die Möglichkeiten des leiblichen Selbsterlebnisses stört und die Selbsterkundung des Körpers oder bestimmter seiner Funktionen wie der intensiven Bewegung, des neugierigen Zugreifens, der sexuellen Erprobungen verbietet (Eicke 1973).

Das Heraustreten aus dem eigenen Leib ist dabei oft eine Schutzgebärde der Angst, um verleugneten, verbotenen und mit schweren Strafen belegten Empfindungen, die er vennittelt, zu entktkommen. Es gibt aber auch Trennungslinien, die alltäglich gegenüber dem Leib und seinen Empfindungen vollzogen werden. Wir alle werden einem sozialen Anpassungstraining unterzogen, das uns nicht nur unsere eigenen Denkkonzepte angesichts wissenschaftlicher Anschauungen geringschätzen läßt, sondern in weit schärferem Maße werden wir zu Milßtrauen gegenüber unserem unmittelbaren Gefühlserlebnis und unseren Körperempfindungen erzogen. Entgegen aller 'logischen' Argumentation signalisiert unser Körper persönliche Bedrängnis und Bedrohung in unmittelharer Form: Wir zittern vor Erregung, uns schwindelt in Situationen, in denen wir keinen Ausweg sehen, der Angstschweiß tritt aus allen Poren.

Die physiologischen Prozesse in Angstzuständen rufen so lebhafte Körperempfindungen hervor, daß die Abtrennung vom eigenen Leibe zu Hilfe genommen wird, um die zugrundeliegende Angst zu verleugnen bzw. zu überstehen: Das bin nicht ich, der das empfindet (sondern nur mein Körper), also bin nicht ich es, der Angst haben muß.

Dazu ein Beispiel:
'Eine 37jältrige Lehrerin hatte in einem Flugblatt Kritik an ihrer Diemststelle geübt. Von dem Vorsitzenden zur Rede gestellt, widerrief sie ihre kritischen Äußerungen. Als sie sich jedoch kurz darauf in einer Versammlung erneut protestierend zu Wort meldet, wurde sie im Kreis ihrer Kollegen ohnmächtig.' (Kütemeyer/Masuhr 1981, 353 f)

Mit Bluthochdruck, Drehschwindel, Heißhunger, Schmerzzuständen und Lähmungen überrtimmt der Kötper eine Ausdrucksgebärde für die Seele oder das blockierte Denken. Mit Angst, Depression, Wut, Liebe, Trauer und Freude reagiert die Seele auf  körperliche Unterdrückung, Disziplinierung oder auf das, was dem Körper gelingt.

Was der Körper in sich eingeschlossen und in Haltungen protokollarisch fixiert hat, kann er auch wieder freigeben. Lösen wir so fixierte Haltungen durch Körperarbeit und Körperbewußtsein, vielleicht aber auch nur in liebender Zuwendung, so gehen wir erste Schritte zur Öffnung des ganzen Menschen. Wir legen möglicherweise Situationen frei, in denen sich der Mensch neu entdecken kann. Der in solcher Arbeit und Zuwendung hergestellte Kontakt zur eigenen Kraft, zum eigenen Schwerpunkt, zur eigenen inneren Bewegung schafft neuen Boden unter die Füße, kann zur Erprobung neuer Standpunkte führen."

Literatur:
Blechschmid, E.; Vom Ei zum Embryo; Reinbek 1970
Eicke, D.; Der Körper als Partner, München 1973
Elias, N.; Über den Prozeß der Zivilisation, 2 Bände; Frankfurt/ Main 1976
Foucault, M.; Strafen und Überwachen; Frankfurt/ Main 1977
Holst, E. von; Zur Verhaltensphysiologie bei Menschen und Tieren, 2 Bände; München 1969
Huebschmann, H.; Krankheit - ein Körperstreik; Freiburg 1974
Kütemeyer, M.; Masuhr, K.F.; Psychosomatische Aspekte in der Neurologie; in: Praktische Psychosomatik; Stuttgart 1981
Lippe, R.; Am eigenen Leibe. Zur Ökonomie des Lebens; Frankfurt/ Main 1978
Lippe, R.; Sinnenbewußtsein, Reinbek; 1989
Pankow, G.; Gesprengte Fesseln der Psychose; 1974
Richte, H.E.; Lernziel Solidarität; Reinbek 1974
Rutschky, K,; Schwarze Pädagogik; Frankfurt/ Main, Berlin 1977
Sroka, K.; Zur Dialektik des Herzinfarktes; Frankfurt/ Main 1980
Winnicott, D.W.; Reifungsprozesse und fördernde Umwelt; München 1965

aus: Annelie Keil; Die "Kunst" der Pflege und der leidende Körper des kranken Menschen; in: Krüger, Piechotta, Remmers (Hrsg.); Innovation der Pflege durch Wissenschaft. Perspektiven und Positionen; Altera Verlagsgesellschaft; Bremen 1996 ;S.84 - 102; S.87ff.

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