KRANKHEIT


Willkommen Nacht! Willkommen Stern!
Mich dürstet nach Schlaf, ich kann nimmer wachen,
Ich kann nimmer denken, nimmer weinen und lachen,
Nur schlafen möcht ich gern,
Schlafen hundert, tausend Jahr,
Und über mir gehen die Sterne hin;
Meine Mutter weiß, wie ich müde bin,
Beugt sich lächelnd herab, hat Sterne im Haar. Michelangelos Pieta

Mutter, laß nimmer tagen,
Laß keinen Tag mehr zu mir herein!
So böse, so feind ist sein weißer Schein,
Ich kann es nicht sagen.
So viel lange heiße Straßen bin ich gegangen,
Mein Herz ist ganz verbrannt -
Öffne mir, Nacht, führ mich in Todes Land,
Ich habe kein anders Verlangen,
Ich kann keinen Schritt mehr gehen,
Mutter Tod, gib mir die Hand,
Laß mich in deine unendlichen Augen sehen!



Hermann Hesse (1921)