><html Gottfried Benn: Blinddarm

BLINDDARM

Alles steht weiß und schnittbereit.
Die Messer dampfen. Der Bauch ist gepinselt.
Unter weißen Tüchern etwas, das winselt. OP-Vorbereitung 1930 in Bern


"Herr Geheimrat, es wäre soweit."


Der erste Schnitt. Als schnitte man Brot.
"Klemmen her!" Es spritzt was rot.
Tiefer. Die Muskeln: feucht, funkelnd, frisch.
Steht ein Strauß Rosen auf dem Tisch?


Ist das Eiter, was da spritzt?
Ist der Darm etwa angeritzt?
"Doktor, wenn Sie im Lichte stehn,
kann kein Deibel das Bauchfell sehn.
Narkose, ich kann nicht operieren,
der Mann geht mit seinem Bauch spazieren."


Stille, dumpf feucht. Durch die Leere
klirrt eine zu Boden gefallene Schere.
Und die Schwester mit Engelssinn
hält sterile Tupfer hin.


"Ich kann nichts finden in dem Dreck!"
"Blut wird schwarz. Maske weg!"
"Aber - Herr des Himmels - Bester,
halten Sie bloß die Hacken fester!"


Alles verwachsen. Endlich: erwischt!
"Glüheisen, Schwester!" Es zischt.


Du hattest noch einmal Glück, mein Sohn.
Das Ding stand kurz vor der Perforation.
"Sehn Sie den kleinen grünen Fleck? -
Drei Stunden, dann war der Bauch voll Dreck."


Bauch zu. Haut zu. "Heftpflaster her!
Guten Morgen, die Herrn."


                  Der Saal wird leer.
Wütend klappert und knirscht mit den Backen
der Tod und schleicht in die Krebsbaracken.


Gottfried Benn 1912